Schnelle, bewusste Atmung als Tor zu veränderten Bewusstseinszuständen – das ist der Kern von Breathwork, einer Praxis, die zwischen spiritueller Tradition und moderner Neurowissenschaft steht. Was esoterisch klingt, bekommt zunehmend wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Gleichzeitig warnen Fachleute vor Nebenwirkungen, die nicht zu unterschätzen sind. Höchste Zeit, genauer hinzusehen.

Was Breathwork eigentlich ist – und woher es kommt

Der Begriff Breathwork fasst eine ganze Familie von Atemtechniken zusammen, die weit über das einfache „tief durchatmen" hinausgehen. Ihre Wurzeln reichen tief in religiöse und meditative Traditionen zurück. Im indischen Yoga regulieren Pranayama-Übungen seit Jahrtausenden Atem und Energie. In den 1970er-Jahren entwickelte der Psychiater Stanislav Grof das Holotrope Atmen, das durch intensive Atmung und Musik therapeutische Prozesse anstoßen sollte – als legale Alternative zu psychedelischer Therapie. Parallel entstand das Rebirthing, das über verbundene Atemzüge frühe Prägungen lösen wollte.

Gemeinsam ist diesen Methoden die Idee, dass wir über den Atem bewusst auf das autonome Nervensystem einwirken können – jenen Teil, der normalerweise ohne unser Zutun arbeitet. Der Atem ist dabei eine seltene Brücke: Er läuft automatisch ab, lässt sich aber jederzeit willentlich steuern.

HVB versus sanfte Atemarbeit

Ein zentraler Unterschied entscheidet über Wirkung und Risiko. Die High Ventilation Breathwork (HVB) – hyperventilierende Atemarbeit – setzt auf schnelle, zyklische Atmung über 20 bis 30 Minuten ohne Pause. Sie zielt auf veränderte Bewusstseinszustände und verstärkt den Sympathikus, also den Aktivierungsmodus des Nervensystems.

Sanftere Formen wie das Facilitated Breath Repatterning verfolgen ein anderes Ziel: Sie stellen eine Verbindung zwischen Atem und Körper her, ohne zu hyperventilieren. Die klinische Psychologin Dr. Bernadette Vötter aus Salzburg setzt genau solche Methoden begleitend zur Psychotherapie ein – von den hyperventilierenden Varianten nimmt sie für sich bewusst Abstand.

Was im Körper passiert: Vagusnerv, HRV und Blutdruck

Die physiologische Wirkung sanfter Atemarbeit ist gut dokumentiert. Entscheidend ist das Verhältnis von Ein- und Ausatmung: Ein längeres Ausatmen sendet ein Signal an den Parasympathikus, den Ruhenerv. Der Vagusnerv wird stimuliert, der Blutdruck sinkt, die Herzfrequenz verlangsamt sich, und die Herzratenvariabilität steigt – ein Marker für ein flexibles, erholungsfähiges Nervensystem.

Wir atmen etwa zwölf- bis achtzehnmal pro Minute, oft zu flach. Je vollständiger wir ausatmen, desto mehr frischer Sauerstoff kann nachströmen. Übersichtsarbeiten wie die von Zaccaro und Kollegen (2018) sowie frühe Arbeiten von Jerath (2006) bestätigen: Langsame, tiefe Atmung verschiebt das Gleichgewicht Richtung Entspannung. Ähnliche Mechanismen beschreiben wir in unserem Beitrag zu Atemübungen gegen Stress.

Die paradoxe Wirkung von HVB

Bei der hyperventilierenden Variante passiert das Gegenteil – zumindest zunächst. Durch das verstärkte Abatmen von Kohlendioxid kippt die Balance Richtung Aktivierung. Genau dieser Effekt wird für die bewusstseinsverändernde Wirkung verantwortlich gemacht. Der CO₂-Abfall verengt Blutgefäße im Gehirn, was die charakteristischen Empfindungen auslöst.

Was die aktuelle Studienlage zeigt

2025 veröffentlichte ein Team der Brighton and Sussex Medical School in PLOS One die erste bildgebende Studie zu HVB. 42 erfahrene Praktizierende atmeten zyklisch zu Musik, 19 davon im MRT. Das Ergebnis: Die Durchblutung der rechten Amygdala und des vorderen Hippocampus nahm zu – Hirnregionen, die emotionale Erinnerungen verarbeiten und auch bei der Einnahme psychedelischer Substanzen aktiviert werden. Studienleiter Dr. Alessandro Colasanti spricht von einem „kraftvollen, zugleich natürlichen Werkzeug der Neuromodulation" mit therapeutischem Potenzial.

Eine kleinere Studie der Vrije Universiteit Amsterdam (2023) mit 20 Teilnehmenden fand positive Effekte auf Selbstwertgefühl und Stressreduktion. Hier liegt allerdings eine wichtige Einschränkung: Die Ergebnisse beruhen vor allem auf subjektiven Selbsteinschätzungen, nicht auf objektiven Messungen. Die Forschung steht insgesamt noch am Anfang – kleine Stichproben, oft erfahrene Praktizierende als Teilnehmer, selten Kontrollgruppen.

Hypno-Breathing: Atem trifft Trance

Eine neuere Spielart ist das Hypno-Breathing, das bewusste Atemarbeit mit hypnotischer Induktion verbindet. Das Prinzip: Eine sanfte Atemführung bringt den Körper in einen entspannten Zustand, während suggestive, bildhafte Anleitung den Geist in eine tranceähnliche Verfassung versetzt. Typischerweise beginnt eine Sitzung mit Atemberuhigung, gefolgt von einer Induktionsphase und abschließender Rückführung.

Anders als bei HVB steht hier nicht das Hyperventilieren im Vordergrund, sondern die Vertiefung des Entspannungszustands – näher an der Meditation als an der psychedelisch anmutenden Atemarbeit. Belastbare Studien speziell zu Hypno-Breathing fehlen bislang; die Einordnung stützt sich auf die bekannten Mechanismen von Atem- und Hypnosewirkung.

Die Risiken ehrlich benannt

Prof. Dr. Christian Taube, Direktor der Pneumologie an der Ruhrlandklinik Essen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, differenziert deutlich zwischen meditativer und hyperventilierender Atmung. Die intensive Variante kann eine respiratorische Alkalose auslösen – eine Verschiebung des Säure-Basen-Haushalts durch zu starkes Abatmen von CO₂. Mögliche Folgen:

  • Schwindel, Benommenheit, im Extremfall Ohnmacht
  • Sehstörungen durch verengte Hirngefäße
  • Kribbeln in Händen, Füßen und Gesicht
  • Muskelkrämpfe bis zur sogenannten Pfötchenstellung der Hände
  • ansteigende Herzfrequenz

Tückisch: Diese Symptome können Angstgefühle verstärken und einen Teufelskreis auslösen, der sich allein schwer durchbrechen lässt. Klare Kontraindikationen bestehen laut Taube bei Epilepsie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schweren Atemwegserkrankungen, in der Schwangerschaft sowie bei Panikstörungen. Auch bei Grünem Star und anderen druckempfindlichen Augenerkrankungen ist Vorsicht geboten.

Dr. Vötter ergänzt eine psychologische Perspektive: Es fehlen aktuell Standards und Regulierungen für Breathwork-Sitzungen. Bei Menschen mit psychischen Vorbelastungen können unverarbeitete Emotionen oder Traumata hochkommen – deshalb sollte intensive Atemarbeit nur mit therapeutisch gut ausgebildeter Begleitung stattfinden.

Wann Breathwork sinnvoll ist – und wann nicht

Die ehrliche Bilanz: Sanfte Atemarbeit mit betontem Ausatmen ist ein niedrigschwelliges, gut erforschtes Werkzeug zur Stressregulation, das Fachleute ausdrücklich empfehlen. Sie lässt sich wunderbar mit Resilienztraining und anderen Erholungspraktiken kombinieren. Intensive HVB dagegen ist kein Wellness-Programm für jedermann. Für gesunde, erfahrene Menschen unter qualifizierter Anleitung kann sie eindrückliche Erfahrungen ermöglichen – für andere birgt sie reale Risiken.

Weiterführende Quellen

Auf dem Friedrichshof

In unseren Longevity-Retreats an der Mecklenburgischen Seenplatte lernst du Atemarbeit als Werkzeug kennen – fundiert angeleitet und mit Blick auf das, was deinem Nervensystem wirklich guttut. Wie du Erholung ganzheitlich gestaltest, erfährst du auch in unseren Beiträgen zu regenerierenden Naturpausen und im Longevity-Magazin.