Es ist ein Befund, der aufhorchen lässt: Rund 55 Prozent der Führungskräfte geben an, erschöpft, müde oder antriebslos zu sein – und nicht mehr die nötige Energie für klare Entscheidungen aufbringen zu können. Diese Zahl stammt aus den Langzeitstudien von Prof. Dr. Heike Bruch an der Universität St. Gallen. Erschöpfte Führung ist damit kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem, das ganze Organisationen in die Überhitzung zieht.
Die Beschleunigungsfalle: Wie Organisationen sich selbst ausbrennen
Heike Bruch prägte den Begriff der Beschleunigungsfalle. Gemeint ist ein Zustand, in dem Unternehmen auf jede Krise, jeden Umbruch und jede neue Technologie – aktuell vor allem die KI-Transformation – mit mehr Tempo, mehr Projekten und mehr Druck reagieren. Mehrarbeit wird zur Dauernorm, Mikromanagement zur Reaktion auf Unsicherheit. Das Ergebnis ist ein schleichendes System-Burnout, bei dem niemand mehr durchatmet.
Das Tückische: Von außen wirkt eine beschleunigte Organisation hochproduktiv. Alle sind beschäftigt, Kalender sind voll, E-Mails fliegen rund um die Uhr. Doch unter der Oberfläche sinken Fokus, Qualität und Kreativität. Wer dauerhaft im roten Bereich fährt, trifft schlechtere Entscheidungen – und genau das ist bei erschöpften Führungskräften der Fall.
Warum gerade das mittlere Management leidet
In ihrer Analyse „Die erschöpfte Führung“ zeigen Bruch und ihre Co-Autoren, dass die Belastung im mittleren und unteren Management besonders hoch ist. Diese Ebene steckt im Spagat: von oben kommen strategische Vorgaben und Erwartungen, von unten die operative Realität und die Sorgen des Teams. Dazwischen aufgerieben, bleibt wenig Raum für Erholung oder Reflexion.
Der Kaskadeneffekt: Erschöpfung ist ansteckend
Besonders alarmierend ist, was die Forschung über die Weitergabe von Erschöpfung herausfindet. Erschöpfte Führungskräfte neigen zu zwei problematischen Mustern: entweder zu destruktivem Führungsverhalten – also Gereiztheit, Kontrollzwang, unfaire Kritik – oder zum Rückzug, bei dem sie nicht mehr ansprechbar sind und ihr Team allein lassen.
Beides hat Folgen. Laut Bruch erhöht eine erschöpfte Führungskraft das Burnout-Risiko im gesamten Team um bis zu 50 Prozent. Erschöpfung fließt also wie ein Kaskadeneffekt von oben nach unten. Das macht Selbstführung zu einer Kernkompetenz: Wer sich selbst nicht schützt, gefährdet nicht nur die eigene Gesundheit, sondern die Energie der ganzen Mannschaft.
Dieser Zusammenhang unterstreicht, warum Gesundheit und Belastbarkeit zunehmend als Leitungsaufgabe verstanden werden. Wir haben das ausführlich in unserem Beitrag zu Longevity als Führungsthema aufgegriffen.
Selbstfürsorge zuerst: Wer führen will, muss sich selbst führen
Die zentrale Botschaft von Heike Bruch klingt für manche Führungskraft zunächst ungewohnt: Du musst mehr an dich selbst denken. Nicht aus Egoismus, sondern aus Verantwortung. Eine erschöpfte Führungskraft kann kein belastbares Team aufbauen – genauso wenig, wie man aus einem leeren Glas ausschenken kann.
Selbstfürsorge beginnt dabei im Kleinen und Alltäglichen:
- Schlaf als Priorität behandeln. Entscheidungsqualität und emotionale Stabilität hängen direkt vom Schlaf ab. Was nachts zählt, haben wir in unserem Artikel zu Schlaf und Longevity beschrieben.
- Erholung einplanen statt erhoffen. Pausen passieren nicht von allein – sie müssen aktiv geschützt werden.
- Digitale Erschöpfung ernst nehmen. Ständige Erreichbarkeit zehrt an der mentalen Reserve. Wie du gegensteuerst, zeigt unser Beitrag zur digitalen Erschöpfung.
- Resilienz trainieren. Belastbarkeit ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die sich entwickeln lässt.
Der organisatorische „Heartbeat“
Bruch plädiert über die individuelle Ebene hinaus für einen organisatorischen „Heartbeat“: einen Rhythmus aus Anspannung und bewusster Erholung. So wie ein gesundes Herz zwischen Kontraktion und Entspannung wechselt, brauchen auch Teams gezielte Phasen der Reflexion und Regeneration, um aus der Dauerbelastung auszusteigen.
Konkret bedeutet das: nach intensiven Projektphasen echte Erholungsphasen zulassen, Meetings entschlacken und Fokuszeit verteidigen. Genau darum geht es in unseren Beiträgen zur Meeting-Hygiene und zu Pausen als Produktivitätsfaktor. Pausen sind dabei kein Luxus, sondern der Taktgeber, der Leistung überhaupt erst nachhaltig macht.
Was Führungskräfte konkret tun können
Der Ausstieg aus der Beschleunigungsfalle gelingt nicht über Nacht, aber über kluge Weichenstellungen:
- Prioritäten radikal schärfen. Nicht alles ist gleich wichtig. Erschöpfung entsteht oft dadurch, dass zu viele Dinge als dringend behandelt werden.
- Vorbild sein. Wenn du selbst nachts E-Mails schreibst, signalisierst du deinem Team, dass dasselbe erwartet wird. Dein Verhalten ist die stärkste Norm im Raum.
- Psychologische Sicherheit schaffen. Teams, in denen Belastung offen angesprochen werden darf, geraten seltener ins stille Ausbrennen. Mehr dazu im Beitrag zur psychologischen Sicherheit.
- Erholungsrituale institutionalisieren. Offsites, Reflexionstage oder bewusste Auszeiten sind kein Nice-to-have, sondern Teil des Heartbeats.
Heike Bruch betont in ihren Interviews auch die Rolle von Hoffnung: Außergewöhnliche Kraftanstrengungen gelingen nur, wenn Menschen einen Sinn und eine Perspektive sehen. Führung, die ausschließlich auf Druck und Dringlichkeit setzt, zehrt die Energie auf. Führung, die Richtung, Vertrauen und Erholung bietet, lädt sie wieder auf.
Weiterführende Quellen
- Universität St. Gallen (HSG): Studie zu Arbeitgeberattraktivität: Die erschöpfte Arbeitswelt
- LEADER Digital: „Viele Führungskräfte sind aktuell erschöpft“ – IFPM-HSG
- Nau.ch: Forscherin alarmiert: 55 Prozent der Chefs sind erschöpft
- Institut für Führung und Personalmanagement (IFPM-HSG): ifpm.unisg.ch
- Konrad-Adenauer-Stiftung: Die Politische Meinung
Auf dem Friedrichshof
Wer aus der Beschleunigungsfalle aussteigen will, braucht einen Ort, der den organisatorischen Heartbeat spürbar macht. Auf dem Friedrichshof in der Mecklenburgischen Seenplatte verbinden wir Reflexion, Bewegung und echte Erholung – fernab vom Dauerrauschen des Arbeitsalltags. Wer gezielt an der eigenen Selbstführung arbeiten möchte, findet dafür im Format Selbstführung den passenden Rahmen. Wie du als Führungskraft deine eigene Energie schützt, vertiefen wir in unserem Beitrag zur Gesundheit als Führungsaufgabe. Weitere Impulse zu gesunder Führung und nachhaltiger Leistungsfähigkeit findest du in unserem Longevity-Magazin.