Fasten kann Stoffwechsel, Entzündungen und Wohlbefinden spürbar verändern. Viele Kuren hängen aber noch an Regeln aus dem frühen 20. Jahrhundert: Darmreinigung mit Glaubersalz, strenges Kaffeeverbot, Detox-Versprechen. Genau diesen Widerspruch nehmen Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann und Johanna Katzera in ihrem Buch Der neue Fasten-Code (Südwest Verlag) auseinander. Die Kernthese: Fasten wirkt – aber manche Begleitmaßnahmen schwächen das Mikrobiom, erzeugen unnötige Krisen und stehen aktuellen Erkenntnissen im Weg.

Detox ist Marketing – Entgiftung macht der Körper selbst

»Detox«, »Cleaning« oder »Entschlackung« klingen nach Befreiung. Wissenschaftlich sind das oft leere Formeln. Unser Körper entsorgt Toxine über Leber und Niere – und, wie Axt-Gadermann betont, auch über ein gesundes Darmmikrobiom, dessen Stoffwechselleistung der Leber in nichts nachsteht. Haut und Lunge spielen mit, erreichen aber nicht dieselbe Kapazität.

Fettlösliche Schadstoffe (etwa Weichmacher oder Dioxine) sitzen im Fettgewebe. Beim Abnehmen werden sie freigesetzt und erscheinen erst im Blut – und erst viel später im Darm. Abführen oder Einläufe bringen sie deshalb weder früher noch besser heraus; Studien zeigen keinen Vorteil. Wird das Mikrobiom durch Darmreinigungen geschädigt, kann es seine eigenen Entgiftungsaufgaben danach sogar schlechter erfüllen.

Das ist die nüchterne Antwort auf viele Fastenmythen: Nicht das Glaubersalz »schwemmt Schlacken«, sondern Leber, Niere und Darmflora leisten die eigentliche Arbeit – wenn man sie lässt.

Darmreinigung: Warum »Glaubern« dem Fastenziel widerspricht

Im klassischen Buchinger-Stil gehört die Darmentleerung oft dazu. Die Idee: Giftstoffe raus, Darm »sauber«, Fastenkrise vorbeugen. Aus Sicht der Mikrobiomforschung ist das problematisch. Artenvielfalt ist ein zentrales Gesundheitsmerkmal; aggressive Entleerung reißt dieses Ökosystem auseinander. Was danach oft zunimmt: eher entzündungsfördernde Bakteriengruppen. Was schwer wiederherzustellen ist: die verlorene Diversität.

Dazu kommen Flüssigkeits- und Elektrolytverlust – Kreislaufprobleme, Schwäche, Kopfschmerzen. Genau jene Symptome, die viele als »Fastenkrise« und vermeintliche Entgiftung deuten. Axt-Gadermann und Katzera berichten aus der Praxis: Wird auf Abführen verzichtet und Kaffee erlaubt, bleibt das klassische Tief oft weitgehend aus. Fastenkrisen entstehen demnach weniger durch das Fasten selbst als durch Begleitmaßnahmen und Koffeinentzug.

Johanna Katzera, die seit Jahren Fastenseminare leitet, beschreibt den Wendepunkt offen: Jahrelang hatte sie Abführmaßnahmen vermittelt – bis die Mikrobiom-Evidenz das unhaltbar machte. Stellte sie den Gruppen Glaubersalz frei, verzichteten alle. Die Vorteile des Fastens begründen sich nicht in der Darmentleerung.

»Ohne Darmreinigung fastet es sich besser.«

— Johanna Katzera in Der neue Fasten-Code

Kaffee beim Fasten: Autophagie früher starten

Noch hartnäckiger hält sich das Kaffeeverbot. Ohne Milch, Zucker und Süßstoffe sieht die Lage anders aus. Kaffee und Espresso gelten im Fastencode als Fastenimitatoren – Getränke, die zelluläre Fasteneffekte zusätzlich anregen:

  • Autophagie (zelluläres Recycling) startet mit Kaffee – mit oder ohne Koffein – deutlich früher als allein durch Nahrungskarenz.
  • Koffein unterstützt die Freisetzung von Fettsäuren aus dem Fettgewebe; Bewegung kann sie verbrennen.
  • Wer gewohnt ist zu koffeinieren, vermeidet dumpfe Entzugskopfschmerzen – oft fälschlich als »Detox« gelabelt.
  • Ein bis zwei Tassen können laut Buch die beim Fasten oft abnehmende Schilddrüsenfunktion und damit den Stoffwechsel stützen.
  • Auch Darm und Leber profitieren von Kaffee und Espresso.

Weitere Fastenimitatoren im Konzept: grüner Tee, Chili, Kurkuma; als kleiner Snack Mandeln, Erdnüsse oder Kürbiskerne. Mehr zum Zellprozess: Autophagie aktivieren.

So sieht mikrobiomfreundliches Fasten aus

Der praktische »neue Code« aus dem Buch lässt sich so zusammenfassen:

  • Keine Darmreinigung – kein Glaubern, keine Colon-Hydro-Therapie als Fastenpflicht.
  • Vorbereitung: zwei bis drei Tage ballaststoff- und eiweißbetont, wenig schnelle Kohlenhydrate, viel Bewegung – Glykogenspeicher leeren, schneller in die Ketose.
  • Mikrobiom stützen: Synbiotika (Pro- + Präbiotika) während und nach der Kur; langsam einschleichen.
  • Ballaststoffe: z. B. Glucomannan, Inulin, Flohsamen, resistente Stärke – immer mit viel Flüssigkeit.
  • Pflanzliche Öle: ein bis zwei Esslöffel Oliven-, Raps-, Walnuss- oder Leinöl täglich (Sättigung, Entzündungshemmung).
  • Kaffee/Espresso/grüner Tee erlaubt; abends besser koffeinfrei, wenn der Schlaf zählt.
  • Mindestens eine Stunde Bewegung täglich – Spaziergang, Yoga, Schwimmen: fördert Autophagie und schützt Muskeln.
  • Keine Süßstoffe – sie belasten das Mikrobiom und können langfristig Gewichtsprobleme begünstigen.

Ein exemplarischer Fastentag im Buch beginnt etwa mit schwarzem Kaffee plus einem Löffel polyphenolreichem Olivenöl, dazu Wasser und grüner Tee, Ballaststoffe und Bewegung – optional ein kleiner eiweißreicher Mittagssnack (200–300 kcal), den man idealerweise wieder »abgeht«. Zum Alltagseinstieg eignet sich oft schon Intervallfasten; den Übergang danach begleiten Was passiert nach dem Fasten? und Fastenbrechen leicht gemacht.

Fasten ist kein Allheilmittel

Axt-Gadermann betont: Fasten kann Immunzellen und Entzündungen günstig beeinflussen – und zugleich Teile der Abwehr vorübergehend schwächen, besonders bei längerem Wasserfasten. Monozyten wandern ins Knochenmark, Lymphozyten im Darm können sinken; nach dem Fasten können Entzündungen paradox wieder aufflammen. Praktische Konsequenzen aus dem Buch:

  • lieber in Frühling/Sommer fasten, Menschenansammlungen in Erkältungszeiten meiden,
  • bei längeren Kuren Ruhe statt Doppelstress mit Job,
  • Impfungen drei bis vier Wochen Abstand zu längeren Heilfastenkuren,
  • Probiotika und bei mehrtägigem Fasten ggf. niedrig dosierte Mikronährstoffe.

Bei Untergewicht, Essstörungen, Schwangerschaft, bestimmten Stoffwechsel- oder Darmerkrankungen sowie unter Medikamenten gehört Fasten in fachkundige Begleitung – oder es unterbleibt.

Was das für klassische Kuren bedeutet

Buchinger-Heilfasten und viele Klinik- oder Hotelkuren arbeiten weiterhin mit Darmentleerung und Kaffeeverbot – historisch gewachsen, ritualisiert, für manche vertraut. Die Mikrobiomforschung legt nahe, diese Bausteine kritisch zu prüfen: Fasten ohne osmotische »Reinigung«, mit schwarzem Kaffee, Synbiotika, Ballaststoffen, Öl und Bewegung. Katzera hat dieses Konzept in Intervallfastenwochen mit Wanderungen und Yoga erprobt – mit spürbar weniger Fastentief und mehr erlebter Erholung.

Weiterlesen zum mikrobiomfreundlichen Fasten

Auf dem Friedrichshof

Am Friedrichshof verbinden wir Fasten mit Natur, Bewegung und klarer Begleitung – mikrobiomfreundlich und ohne Glaubersalz. Entdecke unser Fastenwandern im Müritz-Nationalpark, Scheinfasten oder das Longevity-Retreat.

Weiterführende Quellen

Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme halte vor dem Fasten ärztliche Rücksprache.